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Unsere bunte Welt!




Bunte Welt 1

Bunte Welt 2

Bunte Welt 3

 

 



Ein Sommertag, so voller Leichtigkeit und Licht!
Die Schwäne schwelgen heut in Liebeswonne
.
Mensch, freu Dich und vergiss es nicht:
Auch hinter Regenwolken scheint die Sonne.


Foto: Gertrud Everding/Literadies
     

Mein Handy - ein nützliches Geschenk
erzählt von Jürgen Nagorny

Ich hab da neulich was geschenkt bekommen. Von wem? Ja, weiß ich doch nicht. Ist anonym. Ist doch heute so vieles anonym. Selbst die Beerdigung. Ist doch völlig schnuppe, von wem. Es ist jedenfalls ein Geschenk an mich, für mich. Brauchte ich schon lange.
Und auf einmal lag es da und lachte mich an: ein Handy. Ganz oben im Abfallkorb lag es. Und ich wusste sofort: Das ist jetzt meins. Jetzt hab ich endlich auch eins.

Wurde auch Zeit. Stieß mich doch neulich der Walter von der Seite an: Sag mal, was brabbelst du da immer? Ist ja bald peinlich, mit dir auf die Straße zu gehen. Was denken die Leute? Die sagen sich doch bestimmt: Na, der Alte ist doch nicht mehr ganz richtig im Kopf.
Oha! Ich nicht ganz richtig im Kopf? Da wurde ich aber doch ganz wach.
Und Selbstgespräche? Ich? Hatte ich doch noch gar nicht gemerkt. Aber wenn der Walter das so sagte....
Aber das kann mir jetzt gar nicht mehr passieren.

Jetzt hab ich 'n Handy. Jetzt darf ich. Genau wie all die anderen. Ich geh auch auf der Straße, und hab die Hand am Ohr, und dieser Apparat ist da auch noch dabei. Und ich quassel los, so viel wie ich will: Hallo meine Süße! Ja ich bin jetzt hier. Wie geht es dir, mein Schatz? - Na, das freut mich aber. - Ja, mir auch. - Sehn wir uns nachher? - Ja, ich ruf noch mal an. Dann machen wir was ab. Bis dahann! Tschüssie!
Natürlich: das süße Schätzchen ist nur in meinem Kopf und nicht im Netz. Ist doch alles nur Atrappe. Die ganzen Innereien hab ich aus dem Dings doch längst rausgenommen und weggeschmissen. Was soll ich diese Klötze immer rumschleppen? Mein Handy kostet null Euro, von Monatsanfang bis -ende. Und funktioniert immer. Selbst wenn ich 's mal hinschmeiße.

Und das mir keiner zuhört? Ist ja einfach nicht wahr. Man hört mir sehr wohl zu. Ich führ doch solche Gespräche immer dann, wenn - rein zufällig versteht sich - eine attraktive Frau in der Nähe ist. Früher hätte ich wahrscheinlich auch was gemurmelt. Und sie hätte gedacht: Was brabbelt der Alte da? Na, der ist ja dahin. -
Und jetzt? Jetzt denkt sie: Oha, was hat der wohl für 'ne süße Partnerin? Denk, denk, denk - Fantasie! Hätt' ich gar nicht gedacht. So, so. Alle Achtung. Und dann kuckt sie mich an. Ja! Sie kuckt mich an! Und ich kucke sie an!

Na, mal ehrlich: Das ist doch 'ne echte Verbindung! Oder?


 

   
   

 

Naturrein von Leo Knorr

Eine Hamburger Fußballmannschaft folgte 1961 der Einladung in die dänische Hafenstadt Esbjerg, zu einem Spiel gegen eine dortige Mannschaft. Die Hamburger waren überwältigt von der Gastfreundschaft und der großzügigen Bewirtung, die sie in den dänischen Familien erleben durften. Dass die Hamburger das Spiel gewannen, konnte die neu entstandene Freundschaft zwischen Sportlern und Berufskollegen in keiner Weise trüben. Im Gegenteil, nachdem die dänischen Fußballer ein Jahr später zu Gast in Hamburg waren, auch dort das Spiel verloren, aber begeistert von unserer Stadt und dem hier verbrachten Wochenende wieder abreisten, folgten jährliche Treffen im Wechsel bei den Gastgebern in Hamburg und Esbjerg. Auch die Partnerinnen und Kinder nahmen nun daran teil und es gab außer dem Fußballspiel, und den privatfamiliären Treffen an diesen Wochenenden auch eine gemeinsame Feier mit Festmenü, Tanz und in feuchtfröhlicher Stimmung. So, wie auch heute noch nach nunmehr 48 Jahren ! Allerdings ohne Fußball.

Bei den gegenseitigen Besuchen und wegen der damals noch großen Preisunterschiede für diverse Dinge des täglichen Bedarfs, wurden in dem jeweils anderen Land gezielte Einkäufe getätigt oder vorab per Post die Wunschzettel für die mitzubringenden Artikel übermittelt.
Waren für die Hamburger noch Butter, Räucherlachs, Fischmarinaden und Leberpastete von Interesse, so wünschten die Dänen natürlich alkoholische Getränke, aber auch Zucker, Süßwaren und kosmetische Artikel.

Etwa 1980 wurde ich von meinem dänischen Freund gebeten, Dosenbier mitzubringen. Aber "Hanse Bier" sollte es sei. Da mir diese Marke unbekannt war, fragte ich telefonisch bei ihm nach, ob es nicht auch ein anderes Bier sein könne. "Nein, nur Hanse Bier, denn dieses ist naturrein!" Auch mein Hinweis darauf, dass deutsche Biere nach einem Reinheitsgebot gebraut werden und somit naturrein sind, half nicht. Es sollte kein anderes als Hanse Bier sein. Bei Umfragen unter Kollegen erfuhr ich, dass es dieses Bier nur bei "Aldi" und in Dosen zu 0,3 Liter gab und dass es billig aber auch recht bekömmlich sei.

In Dänemark angekommen beglückte ich meinen Freund mit 24 Dosen dieses Bieres. Auf meine Frage, wieso er denn meine, dass dieses Bier besonders naturrein sei, nahm er eine der Dosen in die Hand. Seine Mimik ließ dabei schon sein Insiderwissen erahnen. Und dann deutete er fast triumphierend auf ein kleines rundes, auf die Dose gedrucktes Emblem. Darauf zu sehen war eine grüne Tanne und um diese herum geschrieben die Aufforderung "Halte die Natur rein !" Na dann Skal!

 

     

 

 

 

 

Lob der Enttäuschung

Ein Mensch, den du für gut gehalten,
hat sich ganz anders als gedacht,
gemein und inhuman verhalten
und so Enttäuschung dir gebracht.
Du bist betroffen und verwirrt:
"Hab ich in ihm mich so geirrt?"

Du hast
und bist also enttäuscht.
Und doch, sei froh!
denn was zunächst dich schmerzlich hat betroffen,
ist schließlich doch Gewinn.
Du warst zuvor - wie andre auch -
der Täuschung allzu leicht erlegen,
dass wirklich sei,
was du für wirklich wolltest halten.

Doch nun ist diese Täuschung hin;
du bist ent - täuscht im besten Sinn;
das heißt, was dir an Illusion zerronnen,
hast du - zum Glück - an Wirklichkeit gewonnen.

Hans-Werner Ecker


 

Der Porsche-Bus erzählt von Jürgen Nagorny


Dieter tritt aus dem Haus. Geht zum Kantstein. Da steht sein Liebling. Streicht ihm übers rote Blech. Tschüss mein Lieber. Muss jetzt fremdgehen.
Fremdfahren wäre richtiger. Denn Dieter ist Busfahrer. Darf sich jetzt nicht in den Schalensitz seines geliebten Porsches räkeln. Darf nicht das Gashebelchen da unten kitzeln, bis er abhebt. Darf nicht seinen Sportskörper mit der Hochtechnik vereinigen und rechts und links durch die Kurven zischen. Jetzt nicht. Jetzt nicht.
Jetzt wird er mühsam auf den Kutschbock seines Busses steigen. Wird Fahrscheintasten drücken und Münzen sortieren. Und die Gangschaltung soll machen, was die Automatik vorgesehen hat. Scheißdienst. Scheißbus. Dieter ist Porsche-Pilot mit Porsche-Herz. Und das braucht einen Porschekreislauf mit Porschebeschleunigung. Er wird's dem Bus schon zeigen. So lahm ist der ja auch wieder nicht. Ist doch ein echter Großstadtrenner.
Für flexible Verkehrsströme konstruiert.
Also los denn! Los Automatik! Zeig was du drin hast!
Und er zeigt es allen. Allen, die mit ihm im Bus sind. Auch mir, dem Älteren. Der nicht mehr gut sehen kann. Und deshalb sein Toyota-Herz an den Nagel hängen musste. Eintauschen gegen ein klitzekleines Bus-Herzchen.

Da häng ich nun an einer Stange. In der anderen Hand die schwere Einkaufstüte. Jetzt standhaft bleiben! Nicht umfallen hier. Auch wenn Dieter seinen Frachter gerade in die erste Slalom-Kurve reißt. Die Hand krampft sich fester. Und alle, die hier zur Stange halten, gehen in die Schieflage.
Stopp! Notbremsung! Da kommt einer entgegen. Dieter fuhr ganz links. Wo sollte er sein dickes Schiff auch anders hinlenken, wenn die Fahrrinne hier so schmal ist. Wird meine Hand das durchstehen? Die erholt sich doch gerade von der Verstauchung neulich.
Ruck: Anfahren. Ruck: Vollbremsung. Busbremsen sind immer gut gewartet. Kurve rechts, Kurve links. Dieters Porsche-Herz hüpft. Ich muss auch gleich hüpfen. Von Stange zu Stange. Dem Ausstieg entgegen. Trapez-Künstler muss ich gleich sein:

Jetzt loslassen, und jetzt zupacken. Aber nicht daneben. Und alles ohne Netz. Die älteren Damen in den Logen-Sitzen klappen schon die Augen hoch.
Gibt's gleich 'ne Notlandung auf unserem Schoß? fürchten oder hoffen sie.
So: der Halteknopf ist gedrückt. Ich werde zum Orang-Utan. Meinen Armen wachsen Urwaldkräfte. Da ist die Tür. Sie rattert auf. Dieter, ich habe auch einen Liebling.
Aber nicht aus Blech. Zu dem flieg ich jetzt.

 

   


Zwei Eulen

von Beate Donsbach



In meinem Oberstübchen treffen sich zwei Eulen
die eine aufgedreht, der andern ist zum Heulen.

Die lustige, die Eulalie
tanzt einen Schleiertanz voll Phantasie
global rollt sie auf einem Seil,
sie schwebt, sie dreht sich, ihre Welt ist heil.

Die traurige ist die Eulalia,
verknöchert und versteinert steht sie da,
kein Fliegen mehr - noch nicht mal nach Athen,
sie muss getragen werden, kann kaum stehn.

Die Rippen liegen bloß, am Schlüsselbein
fixiert der Schlüssel - wie gemein!
Sie kann sich nicht damit erschließen.
Die Wirbelsäule an den Füßen.





So wartet sie auf irgendeine Wende,
im Stillen weiß sie schon, es ist das Ende.
Ihr Blick geht starr in die Unendlichkeit,
der Vogelflug liegt hinter ihr - und ihre Zeit.

Die Weisheit - sie hat sie vergessen.
Doch Eulalie ist gradezu besessen
von Schwung und Lust, und frei zu jeder Regung
sie weiß: das Leben lebt nur in Bewegung.

Bewege dich, dein Herz, Verstand und Füße
und spür in dem Erleben neue Süße;
ein jeder Schritt bringt Leichtigkeit und Fülle
und neue Frische in die alte Hülle.


Eulalia
Eulalie

Text und Bilder: Beate Donsbach/Literadies - Bleistiftzeichnungen DIN A2

Bilder: ©"Eulalia und Eulalie"

Zum Vergrößern können Sie die Bilder anklicken.
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. . . und dann hing ich in der Wand

von Gertrud Pforr

"Komm Mamu", lockte meine Tochter, "wir fahren an die Ostsee; wer weiß, wie lange das gute Wetter noch anhält. Wir haben jetzt Ende September, da kann es mit den Sonnentagen auf einmal vorbei sein. Papa ist sowieso auf seinem Prellballtunier, und abends sind wir wieder im Haus!"
Ein Lächeln auf Angelikas Gesicht, sie wusste, wie sehr ich das Meer liebte, ein Blick aus dem Fenster, in den blauen Himmel und ich war überredet.
Ja es wäre ein Frevel, diesen herrlichen Tag ungenutzt verstreichen zu lassen.

Wie so oft, war das Wetter an der See anders, schon etwas herbstlicher, kühler. Zwar schien die Sonne, aber dicke Wolken am Horizont verhießen nichts Gutes. Wir genossen die wärmenden Strahlen und gingen, am Wasser entlang, in Richtung Niendorf der Steilküste zu.
Der Wind wehte böig, die Luft roch nach Salz und wir genossen es, uns mit dem Oberkörper gegen den Wind zu stemmen. Ein tolles Gefühl, die Natur zu spüren!
Spaziergänger kamen uns warm angezogen am Strand entgegen, und einige Reiter ließen ihre Pferde durch das seichte Wasser traben.
Wir hörten Kinderlachen, Hundegebell und Möwengeschrei.
Es war ein Tag zum Wohlfühlen! Wir wanderten weiter am Strand entlang.
Der Sandstreifen wurde schmaler, die Steine an der Küste grösser und die Kletterei mühsamer. Wir befanden uns unterhalb der höchsten Stelle des Brodtener Ufers, der Hermannshöhe.
"Was nun", fragte Angelika, "kehren wir um und laufen zurück?"
Ich streikte: "Nein, nicht den ganzen Weg wieder zurück!"
Irgendwie erschien er mir zu weit und zu mühsam. Eine Strecke reichte mir!
"Aber er wird noch schmaler", warnte sie.
Egal wie, aber ich würde es schaffen! Dann beobachtete ich, wie ein Vater mit seinen zwei Söhnen auf einem schmalen Pfad die Steilküste hinaufging und irgendwo zwischen den Büschen verschwand. Sie schienen wie die Gemsen zu klettern, hielten sich hier an einer Wurzel fest und an anderer Stelle an einem Stein.
Bild: "Brodtener Ufer"
Öl auf Holz 10 x 10 cm von Elfi Bock/Literadies

Aufmerksam sah ich von unten her zu, beobachtete und merkte mir jeden Schritt und wusste, wenn ich diesen Weg ging, dann würde ich es schaffen. Der Weg verlief in einer kleinen Schräge, scheinbar ohne große Schwierigkeiten, war also zu erklettern. Früher hatte ich mich doch nicht einmal vor scheinbar unlösbaren Aufgaben gescheut, warum jetzt?
"Also dann", resignierte meine Tochter, "Mamu, "du hast es nicht anders gewollt, da mußt du jetzt durch!"

Sie wandte sich der Wand zu, und begann mit dem Aufstieg. Vorsichtig tastend, mit Händen und Füßen nach Halt suchend, ging sie den steilen Weg nach oben und ich hinterher!
Am Anfang fiel es mir nicht schwer, ihr zu folgen, Hände und Füße fanden Halt, aber dann...
Zu allem Unglück fing es auch noch an zu regnen, und aus dem bis dahin festen Boden wurde eine rutschige, glitschige Masse, die kaum Halt bot. Es musste weiter gehen, ich musste weiter gehen, und mir blieb nur der Weg nach oben, musste festen Tritt suchen, Halt suchen für die Hände und mich hochziehen, so gut es ging!

Ich biss die Zähne zusammen, hatte eine Scheißangst und machte mir immer wieder Mut! Welcher Teufel hatte mich nur geritten, in einer zwanzig Meter hohen Wand herumzukraxeln, in der es nicht nur gefährlich ist, sondern auch verboten, sich dort aufzuhalten. Zu meiner Ehre möchte ich gestehen, ich wusste es nicht! Ich hatte von diesem Verbot niemals gehört, aber wie heißt es doch? Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Meine Angst, so schien es mir, war für mich Strafe genug! Ich bin mir sicher, wäre der Vater mit seinen Söhnen nicht gewesen, vielleicht wäre ich nie auf die Idee gekommen, solch ein Risiko einzugehen. Aber erst einmal hing ich dort oben in der Wand, wie ein Sack Kartoffeln, hilflos zwischen Himmel und Erde, zwischen Oben und Unten, und jederzeit musste ich damit rechnen, den Halt zu verlieren. Meine Jacke, meine Hose waren völlig verdreckt, aber es war mir egal, ich wollte nur nach oben. Und dann - oh Wunder - hatte ich es geschafft!
Angelika reichte mir ihre Hand, noch ein, zwei Schritte - . Hurra! Fester Boden hatte mich wieder. Wie war ich glücklich und dankbar! Eines aber weiß ich genau, so etwas Leichtsinniges werde ich mir nie wieder leisten, und kann nur jeden davor warnen!


10. 06. 2008


Das Gleichheitsprinzip

Ein Mann ging einst zum Orthopäden
und wusste, der behandelt jeden.
Am Tresen wurde er gefragt,
was er denn hat und was ihn plagt.
Es sei der Rücken, wie es schien,
und er braucht dringend 'nen Termin.

Die Dame blättert im Kalender,
Juli - August - ja - im September!
Der Mann beugt sich nach vorn und kichert:
"Hör'n Sie, ich bin privat versichert!"
Darauf die Dame ohne Grollen:
"Das hätten Sie doch sagen sollen.
Dann hab ich morgen um halb drei
einen Termin für Sie noch frei."
Sie sah, dass sich der Mann nicht freute
und fragte: "Oder lieber heute?"

Leo Knorr
Februar 2009

 
Der Knopf

Ein Knopf sitzt jahrelang adrett
Am linken Ärmel vom Jackett.
Doch leider hat man ihm daneben
kein echtes Knopfloch beigegeben.
Weil solchermaßen nichts passiert,
zeigt er sich äußerlich frustriert
und wäre - um was anzufangen,
am liebsten einfach abgegangen.

Ein Knopf, das weiß man aus Erfahrung,
kommt ohne Knopfloch nicht zur Paarung.
Woher - so frag ich mich beklommen -
Soll'n dann die kleinen Knöpfe kommen?

Leo Knorr
Februar 2009

Ein Knopfloch

Ein Knopfloch saß - wie andere auch -
in einem Hemd, ganz vorn am Bauch.
Und es bemerkte voller Gram,
dass ihm der Knopf abhanden kam.
Er war bei einem Unterfangen
im Rausch der Sinne abgegangen
und wurde - wie es halt so geht -
an falscher Stelle angenäht.
Und zwar an einem andern Hemd,
das Knopfloch glaubte, er geht fremd,
und wies ihn ab mit böser Miene
beim Treffen in der Waschmaschine.
Das Knopfloch hat - wie mir berichtet -
am Ende auf den Knopf verzichtet,
und dieser fand ein spätes Glück
an einem alten Wäschestück.

Leo Knorr
Februar 2009

 
   

Liebste Renate, mein liebes Schätzchen,


ich kann dich per Handy leider nicht erreichen, darum schreibe ich dir heute mal einen Brief. Ich hoffe, dass du dich auf deiner Kreuzfahrt richtig gut amüsierst und du trotz deiner Mama ordentlich Spaß hast.
Mir geht es auch gut; allerdings ist viel los . Ich renoviere das ganze Haus, das hast du dir ja von mir für deine Rückkehr so gewünscht. Leider ist mir gestern beim Ausräumen des Wohnzimmerschrankes die Kristallvase von Tante Hedwig aus der Hand gefallen und war in 1000 Scherben. Kannst du mir das nochmal verzeihen? Ich weiß, wie du daran hängst.
Ich wollte auch die Lampe abnehmen, um besser die Decke streichen zu können. Dabei bin ich von der Leiter gestürzt und habe meine rechte Hand gebrochen, die ist jetzt in Gips. Meine Brille ging auch dabei kaputt, nun mach ich alles ohne und mit links, das geht ganz flott und die kleinen Schnitzer seh' ich gar nicht.
Zum Glück kam deine Nichte Hella. Eigentlich wollte sie ja den Hund und die Mieze abholen, aber als sie sah, dass ich Hilfe brauchte, haben wir die Tiere ins Tierheim gebracht und Hella blieb gleich hier; was soll sie auch jeden Tag von Bergedorf hierher kommen! Sie schläft in deinem Bett, das ist dir doch recht, oder?
Hella ist wirklich " von Grund auf frisch", da hat die Reklame absolut Recht. Wir machen jetzt alles zusammen. Gott sei Dank hast du ja mit den Lebensmitteln gut vorgesorgt, da kann man nicht verhungern. Ich finde es auch ganz lieb von dir, dass du auf die Konservendosen so nette Bilder von Hasso und der Mieze geklebt hast, so denke ich doch an sie, auch wenn sie vielleicht schon einen neuen Besitzer haben.

Übrigens schmecken mir die Dosen mit Miezes Bild am besten, da ist das Fleisch weicher und ich kann es besser essen, weil mir doch vor ein paar Tagen mein neues Gebiss in den Gully gefallen ist, als ich das Altöl vom Ölwechsel darein gekippt habe und nießen musste. Nun muss ich erst mal warten, bis die Krankenkasse mir ein neues spendiert.
Hella und ich haben auch angefangen, den Boden auszubauen. Dabei ist leider ein Balken eingestürzt und mit ihm das vordere Dach. Da haben wir jetzt eine Plane drüber gespannt und lassen das jetzt so, bis du wieder hier bist.


Auch die alte Treppe habe ich gleich mit rausgehauen, da soll ein Fahrstuhl hin.
Es soll ja alles Barriere -frei werden, damit deine Mutter sich bei uns wohlfühlen kann. Bis das fertig ist , kann sie auf der Coach schlafen, da habe ich jetzt wasserfestes Segeltuch drauf gemacht. Du kannst ja dann solange eine Hängematte nehmen, weil Hella ihre Wohnung kündigen und hier bleiben will.
Ich finde, dass unser schnuckeliges Heim jetzt richtig modern wird: allein schon von den Farben her. Im Wohnzimmer habe ich ein Kaffeebraun gestrichen, mit gelben Flecken. Das hat jetzt richtig was von Dschungelcamp. Es sind auch schon wieder ein paar Spinnen da, weil wir Naturfarbe ohne Chemie genommen haben.

Das Badezimmer wird schwarz - grün, da sieht man den Schimmel nicht so . Jetzt bin ich gerade bei der Küche. Hella hat alle abgelaufenen Lebensmittel aus dem Kühlschrank und der Tiefkühltruhe mit Kleister zusammen gerührt, das sieht Spitze aus. Hättest du gedacht, dass Ketchup dem Ganzen ein tolles Rostrot gibt? Jetzt kann es ruhig spritzen beim Braten, das fällt gar nicht auf.
Gestern haben wir Garagenflohmarkt gemacht, du glaubst nicht, wie begeistert die Leute waren und es kamen auch immer mehr. Deine Pelze und Abendklamotten waren weg wie nix, wo ja auch alles nur 1€ kostete!
Als ich deinen Schmuck noch holen wollte, stellte ich fest, dass der Koffer leer war. Hast du den vielleicht mitgenommen ? Wir hatten allerdings neulich auch mal ein paar Tage keine Haustür, weil ich jetzt eine neue aus Glas mit eingelassenem Stacheldraht habe , übrigens wie auch die Klobrille; da könnte theoretisch jemand den Koffer ausgeräumt haben . Aber was soll's, du wirst das schon verschmerzen.
Den Garten habe ich auch schon umpflügen lassen, die Arbeit mit den Beeten und dem Teich war dir ja immer zu viel. Da kommt jetzt Mais hin, den verkaufen wir für Bio -Strom, sollst mal sehn, wie reich wir dann werden . Das machen die Bauern jetzt alle so.
So , mein Schnuckelchen, nun weißt du Bescheid. Ich hatte dir ja bei deiner Abreise versprochen, dass ich mich ändern wollte und endlich was im Haus tun würde. Da wirst du dich doch sicher freuen!
Hella und ich freuen uns auch schon auf dich und auf die Augen, die du machen wirst! An meine zahnlosen Küsse gewöhnt man sich schnell, sagt Hella.

Tschüss mein Täubchen, bis bald,
dein Täuberich.

Beate Donsbach, 13. 11 2010

 

     

Die Spinne

von Beate Donsbach


Liebe Literadieser, rin inne Kartoffeln, raus…ih, was ist das denn?

 

'Ne Spinne – in meiner Laptop-Tastatur – krabbelt in Windeseile zwischen die Buchstabentasten ..halt, dich muss ich vernich …- da ist sie schon wieder weg – ich sehe noch die Beinchen, die hangeln sich zwischen H und G nach oben. Komm noch mal raus, ich suche hektisch ein Tempotuch, finde keins. Da läuft sie wieder über die Tasten. Groß , wie ein Fingernagel und blitzschnell ist sie, und wieder verschwunden zwischen B und N. Eigentlich töte ich keine Spinnen. Die großen fressen viel Ungeziefer. Auch die eigenen Männchen. Aber diese hier – diese ist so eine kleine, schnelle, man könnte meinen, dass sie springen kann.
Mich überkommt ein inneres Frieren. Ekel? Nein, sowas lasse ich nicht zu, aber kurz davor.
Soll ich den Laptop nach draußen stellen? Da, da ist sie wieder. Kommt halb aus den Tasten. Ob die sehen kann? Oder merken, dass ich ihr nach dem Leben trachte? Aber so schnell, wie die ist, habe ich keine Chance.


Jetzt hab ich ein Stück Papier gefunden, das ich wegschmeißen kann. Ich will aber ihre Körperflüssigkeit nicht auf meinen Tasten haben. Außerdem kriecht sie überall dazwischen nach innen. Erstaunlich, wie flach die sich machen kann. Ich muss sie überlisten.
Wie mag das unter der Tastatur wohl aussehen? Habe ja schon viel Schlimmes gehört. Zuletzt den Satz von einem Comedian: Ich fasse alles an, nur keinen fremden Laptop. Jetzt weiß ich auch, warum. Vielleicht hat sie längst einen Kokon mit Eiern dort deponiert. Ja, wahrscheinlich zwischen den Tasten E und R, weil ich so oft Buchstabenverwechslungen zwischen denen habe. Es kann auch sein, dass sie oder ein ausgelutschtes Spinnenmännchen schuld daran sind, dass ich oft nicht ins Internet komme, weil die Web-Side nicht zu öffnen ist. Da kann doch was blockiert sein. Auch bei der Datenübertragung von meinem Kamera-Chip hakt es manchmal; das kann an der inneren Vernetzung liegen. Überhaupt gibt mir die Spinne jetzt eine mögliche Erklärung für den Zustand, den ich instinktiv schon mal mit:“mein Computer spinnt mal wieder“ bezeichne. Als hätte ich’s geahnt…


Da, da kommt sie wieder raus. Läuft eine Handbreit oberhalb. Schnell mit dem Papier sie auffangen. Denkste, sie krabbelt darunter und ist schon wieder weg.
Die Bakterien – und Keimkonzentration soll nirgends so hoch sein, wie in dem Gehäuse eines – ha, da bist du wieder, ich wische dich jetzt auf die Erde - ne, noch nicht, aber gleich! Wieder entkommen. Sie treibt ihr Spiel mit mir. Hat längst gemerkt, dass sie schneller ist, als ich. Und dass ich ihr was will. Es ist mir auch zuwider, jetzt zu schreiben, nachher klebt sie halbtot zwischen zwei Buchstaben.


Ich hab ja, Gott sei Dank, keine Spinnenphobie. Wenn ich jetzt meine Freundin Margot wäre, hätte ich schon laut geschrien. Aber ich ja nicht. Oder wie meine Mutter, die hat sie immer mit einer Zeitung totgehauen und ins Klo geworfen. Den Flecken an der Wand hat sie mit einem nassen Tuch weggemacht, aber eine Spur hat man lange noch gesehen.
Wo ist sie jetzt? Sie krabbelt sicher in eine Ecke unter dem „Oberdeck“. Dann kann ich sie nicht kriegen, werde mich aber dauernd an sie erinnern, wenn ich schreibe. Da, da krabbeln ihre Füßchen wieder. Eine ganze Reihe entlang. Von Y bis M, und dann kommt sie nach oben. Blitzartig schiebe ich sie mit dem Papier auf den Boden und trampel mit meinen Plüschpantoffeln rechts, links, rechts links rechts –eigentlich müsste sie jetzt tot sein. Hoffentlich macht sie keinen Flecken auf dem weißen Wollteppich. Ich schleife die Puschen noch ein paarmal über den Teppich. Sehen kann ich sie nicht. Soll ich wohl mal in die Profilrillen der Sohlen gucken? Und wenn sie dann noch lebt? Ich muss dazu vor die Haustür gehen, dann kann ich sie gleich dort entsorgen.


Mir ist etwas mulmig. Sie könnte theoretisch auf dem Weg nach draußen beim Abrollen der Sohlen wieder entkommen. Man weiß ja, dass sie zu den Krebstieren gehört, also einen Chitinpanzer hat. Oder war das umgekehrt? Gehören die Krebse zu den Spinnentieren ? Ist jetzt auch nicht so wichtig. Hauptsache, ich werde sie los. Die großen, fetten unten im Keller fange ich ja immer mit einem Glas und werfe sie dann ins Freie, weil ich weiß, wie nützlich die sind. Aber so eine kleine Springspinne, ob die überhaupt irgendwie nützlich ist? Die frisst sicher Milben, Hausstaubmilben, und die sind ja massenweise in jedem Computer. Aber Milben sehe ich nicht, die stören mich auch nicht. Die laufen auch nicht, über meine Buchstabentasten wenn ich schreiben will.


Und krabbeln dann vor meinen Augen dazwischen. Frage mich überhaupt, wie die da reingekommen ist, wo ich doch erst vorige Woche gründlichst gesaugt habe.
Sogar in den Ecken der Zimmerdecke. Da sehe ich ja manchmal Spinnweben. Dann sauge ich sofort. Mit dem Rohr, ohne Vorsatz, das saugt stärker.


Steifbeinig gehe ich vor die Haustür. Ja nicht abrollen! Ich ziehe die Puschen aus, beide, weil ich ja nicht weiß, in welchem Profil sie ist. Ich habe noch meine Lesebrille auf, damit müsste ich eigentlich alles sehen. Ich gucke mir die Rillen genau an. Nichts zu sehen! Sicherheitshalber schlage ich die Sohlen nochmal gegeneinander. Kommt nichts raus. Dann muss sie wohl doch in den Wollteppich gekrochen sein. Ich gehe wieder rein und nehme den Staubsauger. Höchste Stufe, volles Rohr ! So ungefähr 20 Mal sauge ich in alle Himmelsrichtungen den Teppich ab. Da müsste sie jetzt drin sein. Mehr kann ich wirklich nicht tun. Ich bin zufrieden mit mir, ich, Superheld!
Komm mir bloß nicht wieder aus der Tastatur, du Spinne du!!

17.07.2012

     
     

Orangenkonfitüre hoch 3

von Adelheid Dohse

Morgens um viertel nach sieben geht das Telefon. Es ist Rieke, die ich eigentlich erst um halb neun wecken soll, weil ihre Mutter dann schon unterwegs ist. Sie bittet mich gleich, runter zu kommen, weil sie noch vor der Schule ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter machen will.
Ich ziehe mich also schnell an, stecke mein Frühstück und Kaffee ein, und gehe eine Treppe hinunter in ihre Wohnung. Rieke will ihre Mutter mit selbst gekochter Konfitüre erfreuen. Das Rezept hat sie aus ihrem Bastelbuch. Sie hat die halbe Menge schon ermittelt, da sie eigentlich nur ein Glas benötigt. Es stellt sich aber heraus, dass sie nicht alle Zutaten beisammen hat.

Die ungespritzten Orangen hat sie schon am Abend zuvor bei ihrer Nachbarin besorgt, es fehlen aber noch etwas Zucker und eine Zitrone. Mit dem Zucker kann ich aushelfen, also wieder hoch in meine Wohnung. Die Zitrone ersteht sie bei einer anderen Nachbarin. Es eilt, da sie um halb zehn in die Schule muss, der Orangensaft mit der Zitrone aber eine halbe Stunde köcheln muss. Diese Art der Herangehensweise kenne ich von meinem Enkel Oskar, der schon anfing zu backen, um dann festzustellen, dass die Hälfte der nötigen Zutaten fehlte. Dann ging die Rennerei durchs ganze Haus, um sich alles zusammen zu borgen. Zum Glück kennen wir ähnliche Probleme und alle sind hilfsbereit.

Endlich ist der Saft im Kochtopf und kann nun vor sich hin köcheln. Inzwischen können wir frühstücken. Dann will Rieke noch eine kleine Haube ausschneiden für den Deckel. Dazu hat sie ein Stück Stoff, und ich zeige ihr, wie man mit Hilfe einer Untertasse ein kreisrundes Stück ausschneiden kann. Das alles kostet Zeit. Endlich kommt der Zucker zu dem eingekochten Saft hinzu. Ich hoffe, Rieke hat alles richtig abgewogen. Jetzt soll das Ganze noch 10 - 15 Minuten kochen, bevor man die Masse in Gläser füllen kann. Aber wo sind Gläser? Da Rieke keine hat, hole ich welche aus meiner Wohnung und sage ihr, dass man die Gläser erst auskochen muss, damit die Konfitüre haltbar bleibt. Aber nun muss Rieke zur Schule.

Wir schaffen es noch, Ordnung zu machen, damit unsere Kocherei unentdeckt bleibt. Ich ziehe mit den Gläsern und dem kochenden Orangensaft in meine Wohnung und versuche, ihn in die Gläser abzufüllen. Irgendetwas stimmt nicht. Der Saft ist zu zähflüssig und viel zu süß. Nach dem Erkalten ist er hart wie Bonbon. Was mache ich bloß? Ich weiß, dass Rieke keine Zeit mehr für eine erneute Zubereitung der Konfitüre hat, weil sie am Wochenende mit den Pfadfindern unterwegs ist und ihre Mutter schon am Montag Geburtstag hat. Also fahre ich zum Supermarkt, um neue Orangen zu kaufen. Das volle Programm noch einmal:
Orangen auspressen, mit Zitrone und Wasser anderthalb Stunden köcheln lassen usw. Gläser habe ich glücklicherweise noch. Diesmal gelingt alles.

Gegen 5 Uhr nachmittags kommt Rieke, um die fertige Konfitüre abzuholen. Als sie das Glas mit der Bonbonmasse sieht, will ich sie trösten, mit der von mir neu gekochten Konfitüre. Aber sie ist sehr enttäuscht. Nun hat sie es ja nicht mehr selbst gemacht.

Ich kann sie verstehen und bereue meine Voreiligkeit. Hätte ich die misslungene Konfitüre einfach verschwinden lassen sollen? Das hätte mir aber nicht gefallen. Nach einigem Nachdenken, es ist inzwischen halb sieben Uhr abends geworden, schlage ich Rieke vor, wenn sie heute Abend doch noch etwas Zeit hätte, die Konfitüre noch einmal zu kochen. Die Zutaten würde ich besorgen. Und so geschieht es. Die lange Wartezeit, beim Saft kochen, haben wir uns mit einem Spielchen verkürzt und endlich ist alles in den Gläsern. Ein kleines Probierglas als Dank für die gespendeten Orangen ist auch noch dabei.
Rieke bedankt sich bei mir mit vielen Küssen und einer Umarmung.

Adelheid Dohse 15.04.13

Als unser Leo von der herrlichen Konfitüre hörte, schlug sein Herz höher, und eine Woche später brachte er uns eine große Flasche mit einem Orangen-Konzentrat mit. Helga Frohwann zauberte daraus eine exzellente Orangenkonfitüre, für jeden von uns ein kleines Glas der herrlichen Köstlichkeit, Hmmmm!! Darüber freuen sich die Literadieser!

Zum Dank heißt dieses Wunder Marmelade - Leo - MALEO (siehe oben!).. Danke Leo, danke Helga!


Kunstbetrachtungen

von Ernst Broers

Franz war ein junger Künstler, Landschaftsmaler, und er war von seinem Können überzeugt. Deshalb litt er auch sehr darunter, dass seine Arbeiten nicht anerkannt wurden, weil sie "der Natur zu ähnlich" waren.

"Da kann man ja gleich eine Fotografie an die Wand hängen." war das übliche Urteil der Kunstsachverständigen. Er konnte von seiner Kunst nicht leben und musste sich mit allerlei Gelegenheitsarbeiten so durchschlängeln.

Eines Tages traf Franz zufällig seinen Schulfreund Walter, einen nüchtern denkenden Ingenieur.
Obwohl Franz das wusste und ihm nicht viel Kunstverstand zutraute, weinte er sich bei ihm aus. Walter legte seine Denkerstirn in Falten, dann lächelte er verschmitzt und gab Franz den Rat:
"Du musst die Menschen und vor allem ihre Kritik nicht so ernst nehmen. . ."
"Und wovon soll ich leben, Walter? Ich bin doch auf das Urteil dieser Menschen angewiesen!"

"Franz! Ich bin nicht der einzige, der nichts von Kunst versteht. Was mich von den anderen Kunstbanausen unterscheidet ist, dass ich mich nicht als Kunstkritiker versuche. Die alten Meister, gerade die, die heute am teuersten sind, wurden zu ihrer Zeit verkannt, verlacht, durften hungern! Warum soll es dir anders ergehen?"
"Das ist mir kein Trost, Walter. Ich denke, heute sind die Menschen aufgeklärter, als vor hundert Jahren."

"Franz, das sind wir auch. Wir wissen heute mehr über die Natur, als zu Goethes Zeiten. Die Technik hat seitdem einen gewaltigen Fortschritt gemacht. Aber die Menschen und ihre Denkweise haben sich doch nicht geändert. Wenn dir ein Schicksal, wie das der alten Meister, nicht gefällt und du unbedingt deinen Lebensunterhalt als Künstler verdienen willst und das auch heute mit wirklicher Kunst nicht geht, dann versuch es doch mal mit einer verrückten Modemasche. Biete doch einfach - - äh - Charakterbilder an."
"Was soll denn das sein?"

"Zum Beispiel - - äh Moment -- hm - eine grüne Fläche, links und rechts begrenzt durch dicke, braune Linien, Baumstämme. - In der unteren Bildhälfte ein Jagdgewehr. Darüber in der Mitte ein Hirschgeweih, links ein Rehgeweih und rechts eine Gamskrucken . . ."
"Hör auf, Willi! Solchen Mist kauft doch keiner!"
"Als Landschaftsgemälde wohl kaum, aber als Charakterbild eines Jägers?

Ich muss bei Bildern immer an eine Fernsehsendung mit Picasso denken. Er skizzierte mit wenigen Strichen einen Hahn auf dem Malbogen. Fantastisch! Und dann verwandelte er das schöne Bild in mehreren Stufen, die auch eindrucksvoll waren, in einen schiefen, schielenden Frauenkopf. Scheußlich! Und das von einem wirklichen Könner, bei dem jeder Strich präzise sitzt! Ich hatte den Eindruck - und so sehe ich das noch heute - er machte sich über die Kunstexperten lustig. Warum willst Du nicht von einem so berühmten Vorbild lernen? -
Du musst den Menschen klar machen, dass das Aussehen der Person völlig unwichtig ist, dass es nur auf
ihren Charakter ankommt. Ein Jäger denkt nun einmal an Jagd und Trophäen und das drückt das Bild aus. Und wenn dich jemand fragt, wie Du darauf gekommen bist, dann lässt du einen tiefsinnigen Spruch los - - beispielsweise: -- Haben sie schon einmal die Wogen des Meeres genau betrachtet?"
Franz war nicht überzeugt von Walters Vorschlag, aber in seiner Verzweiflung versuchte er sein Glück - und hatte Erfolg, großen Erfolg sogar!
Nach Jahren traf Walter den berühmten Charakterbild-Maler wieder und er fragte: "Na, Franz, wie fühlst Du dich jetzt, so frei von Sorgen?"
Und der Maler antwortete:
"Haben Sie - hast du schon einmal --- die Wogen des Meeres --- genau betrachtet?"


Ölgemälde zu dieser Kurzgeschichte:

'Jägerschnitzel' 80x70cm

Beate Donsbach/Literadies © Copyright

 

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