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Totensonntag
von Martin Ripp
"Guten
Tag Frau - Skoronnek!" sagte er, nachdem er sich im Vorbeigehen wegen
ihres komplizierten Namens schnell noch auf der Inschrift vergewissert
hatte. "Wir sind ja gewissermaßen Nachbarn und trotzdem ist
es ein Zufall, daß wir uns treffen."
Die Frau mit dem schwarzen Hut und im grauen geöffneten Mantel, die
dabei war, letzte verwehte Blätter aus dem Rasenstück herauszuharken,
blickte überrascht auf."Ach Sie sind es, Herr Wolter."
Sie ließ die Harke fallen, kam ihm entgegen und reichte ihm die
Hand. "Nun kann ich mich endlich einmal bedanken! Drei-, viermal
war ich im Sommer hier und jedesmal wennich befürchtet hatte meine
Blumen seien vertrocknet, leuchteten sie mir prall entgegen, weil sie
ausreichend begossen worden waren." Den Kranz um den Stein, den sonst
ihre Blumen geziert hatten, hatte sie mit Heide bepflanzt und zusätzlich
mit Tannenzweigen abgedeckt.
"Ich
mußte meine Blumen ja auch begießen", antwortete Herr
Wolter, "und die zwei oder drei Kannen mehr---"
"Trotzdem!" sie zeigte auf den Grabstein seiner Frau, der irgendwann
ja auch seiner werden würde, "Sie sind ja auch nicht mehr der
Jüngste!"
Herr Wolter lachte. "Bei einem Doppelgrab ist der Überlebende
fast ein gläserner Mensch."
Er rückte an seiner Brille, schaute zum Grabstein ihres Mannes und
registrierte Alwine als ihren Vornamen und das Geburtsdatum: 22.11.1926.
"Die drei Jahre, die ich älter bin", meinte er. "Übrigens
- herzlichen Glückwunsch nachträglich! Sie hatten gestern Geburtstag."
"Danke! Aber das andere, das noch fehlende Datum, kennen wir alle
nicht!"
Sie
schwiegen. Frau Skoronnek griff wieder nach ihrer Harke, und Herr Wolter
legte das Gesteck, das er, halb in Zeitungspapier eingeschlagen, noch
in der linken Hand gehalten hatte, auf das bereits abgedeckte Grab seiner
Frau.
"Ihr Stein ist noch so schön sauber", stellte sie fest,
kehrte die Blätter auf eine aufgerissene Plastiktüte und versteckte
die Harke zwischen den Rhododendronbüschen hinter dem Grabstein.
Foto:
Literadies
"Unser
ist so grün geworden. Ich hatte es schon mit einem "Anti-Spray"
versucht, das man mir empfohlen hatte."
"Das liegt am Material", antwortete Herr Wolter. Er kam an ihre
Seite, deckte die Blätter mit der Zeitung ab, nahm die Folie vorsichtig
hoch und trug sie zum Kompostbehälter, fünf Schritte weiter.
"Sie müssen mal darauf achten, die glatten, polierten Steine
nehmen das Grün nicht so an", sagte er als er zurückkam.
"Unser Stein ist auch rauher. Ich habe ihn im Frühjahr mit Seifenwasser
und einer Bürste bearbeitet."
"Ach deswegen! - Kommen Sie mit zum Bus Richtung Haupteingang?"
"Ja", stimmte er zu. "Heute brauche ich ja nicht zu gießen!"
Auf
dem Weg zur Haltestelle sagte er: "Bis zum Sommer hatte ich noch
meinen Wagen. Nachdem ich vor einem Jahr wegen "Grauen Stars"
operiert wurde, mußte mein linkes Auge wegen beginnender Netzhautablösung
noch einmal behandelt werden. Danach fühlte ich mich unsicher im
Straßenverkehr, habe das Auto verkauft und meinen Führerschein
abgegeben."
"Respekt!" lobte Frau Skoronnek. "Aber trösten Sie
sich mit mir! Vor vier Jahren, nach dem Tode meines Mannes, mußte
ich mich auch von unserem Auto trennen, weil ich keinen Führerschein
habe." Sie machte eine Pause.
"Eigentlich sollte es schon ein halbes Jahr früher sein, denn
als der Wagen wochenlang unbewegt in der Garage gestanden hatte, sagte
mein Mann: 'Verkauf ihn doch! Er steht nur unnütz herum und rostet!'
Kommt gar nicht in Frage! entrüstete ich mich. Er hat uns nie im
Stich gelassen. Und wenn du erst wieder gesund bist, freust du dich, wenn
du ihn wieder fahren kannst. Er hat mich nur hoffnungsvoll angelächelt
und nie wieder darüber gesprochen."
Herr Wolter ging schweigend an ihrer Seite. Was konnte er darauf auch
antworten?
"Oh, da kommt unser Bus!" rief sie und wurde schneller.
"Den schaffen wir nicht mehr!" Er hielt sie zurück. "Die
fahren heute doch alle naslang!"
Obwohl sie höchstens fünf Minuten an der Haltestelle gewartet
hatten, waren sie überrascht, daß so viele Plätze besetzt
waren. In der Mitte fanden sie aber noch zwei Sitze nebeneinander. Herr
Wolter blickte umher und sagte kopfschüttelnd: "Das ist ja erschreckend!"
"Was?" fragte Frau Skoronnek und sah sich ebenfalls um.
"Mir ist das auf der Hinfahrt schon aufgefallen. Alles Frauen! Nur
da vorne sitzt noch ein Mann."
Sie lachte. "Ja, heute kommen auch die Frauen, die das ganze Jahr
über keine Zeit hatten, um mit einem Gesteck ihr Gewissen zu beruhigen!"
"Sie
können ja ganz schön zynisch sein!" war er überrascht.
"Da verliere ich ja fast den Mut, Sie zum Kaffee einzuladen. - Oder
werden Sie erwartet?"
"Mein 'Hansi! erwartet mich!"
"Ihr Wellensittich hat bestimmt genug Futter im Käfig, daß
er nicht gleich verhungert!" Er lächelte.
"Im Käfig sitzt ein Kanarienvogel!" klärte sie ihn
auf. "Ich habe aber gar nicht soviel Geld eingesteckt."
"Brauchen Sie ja auch nicht!" widersprach Herr Wolter. "Ich
sagte etwas von einer Einladung!"
"Wie komme ich dazu, mich von einem wildfremden Mann einladen zu
lassen?!" entrüstete sie sich, aber ohne Überzeugungskraft.
"Wildfremd?" tat er empört. "Karl-Heinz Wolter, geboren
am 29. Oktober 1923, seit zwei Jahren verwitwet. Das haben Sie bereits
der Inschrift entnommen. Und ich habe mich offenbart: Kein Auto, keinen
Führerschein, Sehfehler auf dem linken Auge. - Wieso müssen
Sie vor mir Angst haben?"
Frau Skoronnek hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut zu lachen.
"Tut das gut an so einem Tag!" sagte sie. "Ich habe es
begriffen, Sie haben Ihr Schicksal ebenfalls angenommen. - Kennen Sie
denn ein gutes Lokal in der Nähe des Bahnhofs?"
"Es gibt dort ebensoviele wie Blumengeschäfte. Die profitieren
alle von der Nähe des Friedhofs."
Am Ausgang überquerten sie die Hauptstraße, und Herr Wolter
führte Frau Skoronnek zu einem Restaurant, das an der Kreuzung lag.
Vor dem Eingang war ein Schild aufgestellt: 'Ab 15 Uhr Kaffee und Kuchen
(eigene Herstellung)'
Herr
Wolter blickte auf seine Uhr und sagte: "Zwanzig nach drei, das paßt
gut! Seit zwei Jahren war ich nicht mehr hier. Ich glaube, wir wurden
ganz gut bedient, obwohl mir das an jenem Tag gleichgültig war. So
eine Trauerfeier wirkt immer etwas heuchlerisch. Vor einer Stunde noch
Tränen in den Augen, können die meisten nach einem Weinbrand
dann schon wieder scherzen."
Sie saßen einander an einem Zweiertisch gegenüber. Herr Wolter
war überzeugt, daß ihr graues, durch den von ihr getragenen
Hut angedrücktes Haar, früher brünett gewesen war. Ihre
Haut war noch relativ glatt, die Wangen etwas gerötet. Ringe mit
einem blauen Stein verdeckten ihre Ohrläppchen.
Sie betrachtete ihn ebenfalls. Das Licht der Kerze. die der Kellner bei
ihrer Bestellung angezündet hatte, spiegelte sich in den getönten
Gläsern seiner Hornbrille, so daß sie die Farbe seiner Augen
nicht erkennen konnte. Er hatte eine blasse Gesichtsfarbe und sein strähniges
aschgraues Haar war scheitellos bis zum Stirnansatz gekämmt. Da er
weder eine Mütze noch einen Hut getragen hatte, bemerkte sie bereits
auf dem Friedhof eine kahle Stelle am Hinterkopf. Er war sorgfältig
rasiert, am Kinn entdeckte sie eine kleine Schnittwunde.
Lächelnd sagte Sie: "Der Kellner hält uns bestimmt nicht
für ein Liebespaar! Könnten uns unsere verstorbenen Ehepartner
jetzt sehen, würden sie nichts dagegen haben!"
Herrn Wolters Schweigen deutete sie als Zustimmung. Der Kellner stellte
die Kännchen auf den Tisch, servierte Frau Skoronnek den Käsekuchen
und schob die Nußtorte an Herrn Wolters Seite.
"Hm,
schmeckt gut!" sagte sie. "Das war eine gute Idee, gemeinsam
Kaffee zu trinken! - Wie ist die Torte?"
"Ein bißchen zu süß. - Wollen Sie die Walnuß
haben?"
Sie lachte. "Nein danke!"
Nachdem sie eine Weile geschwiegen, den Kaffee und Kuchen genossen hatten,
nahm sie eine Packung Zigaretten aus der Handtasche. Sie bot ihm eine
an, aber er schüttelte den Kopf. "Ich hoffe, Sie haben nichts
dagegen!" Sie zündete sich eine Zigarette an.
"Wie könnte ich, wir sitzen ja in einem Lokal, wo das Rauchen
nicht verboten ist!"
"Sie haben wohl nie geraucht?"
"Doch, aber als unsere Tochter geboren wurde, habe ich es von heut
auf morgen aufgegeben."
"Ich weiß, daß das nicht gesund ist", sagte sie
und blies den Rauch zur Seite, um ihn nicht zu sehr damit zu belästigen.
"Aber die drei oder vier Zigaretten, die ich am Tage, meist nach
den Mahlzeiten rauche, schaden mir in meinem Alter bestimmt nicht mehr."
Sie nahm einen Schluck Kaffee und ergänzte: "Mein Mann war übrigens
Nichtraucher und trotzdem mußte er an Lungenkrebs sterben!"
Herr Wolter schenkte sich wortlos die zweite Tasse Kaffee ein und vermied
es, sie anzusehen.
"Haben
Sie noch mehr Kinder?" nahm Frau Skoronnek den Faden wieder auf.
"Ja und nein. Zwei Enkelkinder. Aber die Ehe wurde geschieden. Die
Kinder leben bei ihrem Vater in Frankfurt, und meine Tochter ist als Flugbegleiterin
sehr oft unterwegs."
Sie goß sich noch den Rest aus ihrem Kännchen in die Tasse
und sagte:
"Bei Ihnen ist es jetzt zwei Jahre her. Woran ist Ihre Frau gestorben?
Auch an - an dieser furchtbaren Krankheit?"
Herr Wolter zögerte einen Augenblick. "Es hat mich wie ein Blitz
aus heiterem Himmel getroffen!" sagte er dann. "Es war ein Unfall.
Meine Frau wollte morgens mit dem Fahrrad zum Markt fahren. Kurz davor,
an der Kreuzung, ist es passiert. Die Ampel zeigte für sie grün,
aber der Lkw ist trotzdem um die Ecke gefahren. Der Fahrer hat meine Frau
nicht gesehen." Herr Wolter schluckte. "Er sagte einfach, er
hätte sie nicht gesehen!"
"Entschuldigung!" sagte Frau Skoronnek betroffen. "Ich
konnte nicht ahnen, daß es noch so tief sitzt! Wie konnte ich wissen,
daß Ihre Forschheit nur gespielt war?!"
"Ja, wie sollten Sie das wissen? Man kennt sich selbst nicht, und
wenn dann der Finger in die Wunde gelegt wird, kommt es heraus, daß
man sich etwas vorgemacht hat. Ich glaube, die Idee mit unserem Kaffeetrinken
war doch nicht so gut. Ich wollte Sie nicht belasten!"
"Im Gegenteil!" sagte Frau Skoronnek. "So gefallen Sie
mir viel besser! Das andere wirkt im Nachhinein auch unnatürlich!
- Aber darauf muß ich noch eine rauchen. - Darf ich?"
Jetzt
konnte er wieder lächeln. "Ich habe noch gar nicht nach Ihren
Kindern gefragt."
"Wir haben keine. Mein späterer Mann ist erst 1947 aus russischer
Gefangenschaft zurückgekommen. Er war unterernährt und hatte
Erfrierungen an den Füßen. Ich war damals Krankenschwester
in Eppendorf, wo ich ihn kennengelernt habe. Sein älterer Bruder
war an der Westfront gefallen, und sein Elternhaus war ebenso zerbombt
worden wie meins. Wir heirateten im selben Jahr und mußten wie viele
bei Null anfangen. In dieser Verfassung und unter diesen Umständen
hielten wir es für unverantwortlich, Kinder in die Welt zu setzen."
Sie inhalierte einen kräftigen Zug. "Zehn Jahre später
sehnten wir uns danach. Ich war Anfang dreißig, mein Mann etwas
älter. Aber es klappte nicht. Wir hätten zum Arzt gehen und
uns untersuchen lassen können, aber wir wollten es beide nicht, vielleicht
wegen möglicher Schuldzuweisungen. So sind wir kinderlos geblieben."
Sie drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, und er winkte dem
Kellner.
"Wir
haben soviel voneinander erfahren", sagte Herr Wolter. "Wäre
es unverschämt, wenn wir uns wiedertreffen? Oder rechtfertigt das
nicht geradezu ein Wiedersehen?!"
"Ja, nächstes Frühjahr in Ohlsdorf", antwortete sie
lächelnd. "Sie sind doch Spezialist in Grabsteinreinigung!"
Herr Wolter blieb ernst und sagte: "Ich habe aber nicht mehr soviel
Zeit! Denken Sie an den Bus, in dem außer mir nur noch ein anderer
Mann mitfuhr!"
Er hatte die Rechnung bezahlt, das Portemonnaie aber in der Hand behalten
und entnahm eine Visitenkarte, die er ihr reichte. "Lachen Sie jetzt
aber nicht! Es sind noch alte Firmenkarten. Als ich vor fünfzehn
Jahren in den Ruhestand ging, habe ich ein paar davon mitgenommen. Meine
Anschrift und die Telefonnummer stimmen immer noch. Nur die Firma ist
inzwischen in Konkurs gegangen."
"Sie hätten da nicht aufhören dürfen!" Frau Skoronnek
lachte. "Jetzt wo wir unseren Humor wiedergefunden haben, sollten
wir gehen!" Sie warf einen Blick auf die Visitenkarte und steckte
sie in die Handtasche. "Wie kommen Sie nach Hause?"
"Entweder mit dem Bus hier von der Ecke, oder mit der S-Bahn in Richtung
Stadt."
"Ich fahre leider entgegengesetzt", bedauerte Frau Skoronnek.
"Aber kommen Sie doch trotzdem mit zum Bahnhof, dann haben wir heute
schon einen gemeinsamen Weg!"
Hier
ist der Ton zum folgenden Gedicht!
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